Warum bewegen sich manche Kinder kaum – und wie du ihnen hilfst

Lesezeit: 5 Minuten | Für: Erzieher*innen, Kita-Teams, pädagogische Fachkräfte Manche Kinder bleiben lieber sitzen. Während die anderen rennen, klettern und toben, suchen sie sich einen Platz am Rand. Von dort schauen sie zu. Oft „kleben“ sie an einer Stelle – oder an einem Erwachsenen, den sie nicht aus den Augen lassen. Solche Kinder wirken unsicher. Und ihr Rückzug hat einen Grund. Hinter der Bewegungsunlust steckt meist keine Faulheit, sondern Angst. Diese Kinder spüren zu wenig Halt im eigenen Körper. Sie haben Angst zu fallen – und Angst, dass niemand sie auffängt. In diesem Artikel liest du, warum manche Kinder Bewegung meiden und wie du ihnen Sicherheit gibst. Mit dem Beispiel von Lina und konkreten Ideen für den Alltag.

Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste in Kürze:

Warum meiden manche Kinder Bewegung?

Weil sie Angst haben. Wer sich innerlich nicht sicher fühlt, geht auch ungern in Bewegung.

Diese Kinder spüren zu wenig Halt im eigenen Körper. Sie haben Angst zu fallen oder dass etwas passiert. Also bleiben sie lieber, wo sie sich sicher fühlen. Sie klammern an einer Stelle oder an einem Erwachsenen.

„Angst zu fallen“ meint dabei selten eine echte Gefahr. Gemeint ist ein inneres Gefühl. Um sich frei zu bewegen, muss ein Kind mit seinem Gleichgewicht spielen, loslassen und darauf vertrauen, dass nichts passiert. Genau dieses Vertrauen fehlt diesen Kindern.

Dieses Gefühl von Halt entsteht sehr früh. Sobald ein Baby auf der Welt ist, muss es sich an die Schwerkraft gewöhnen – und spürt zum ersten Mal sein eigenes Gewicht. Was es in dieser Zeit erlebt, prägt tief. Dabei kommt es weniger darauf an, wie oft ein Kind gehalten wird, sondern wie. Empfinden die Erwachsenen Freude, wenn sie es ansehen? Bleiben sie ruhig, wenn das Kind weint und sich nicht gleich beruhigen lässt? Oder sind sie selbst angespannt, vielleicht ängstlich? Diese feinen Stimmungen nimmt ein Baby tief in sich auf.

Der französische Psychomotoriker Bernard Aucouturier hat es so beschrieben: „Der Körper vergisst nichts.“ Und: „Die Ängste der Erwachsenen sind die Ängste des Kindes.“ Das ist kein Vorwurf – Ängste hat jeder Mensch, und niemand kann perfekt sein. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was hat dieses Kind innerlich mitgenommen?

Fehlt einem Kind das Gefühl, sicher gehalten worden zu sein, fühlt sich Bewegung schnell bedrohlich an. Sein Körper „weiß“ dann noch nicht: Ich kann mich loslassen, mir passiert nichts.

Manchmal hat die Angst auch einen praktischen Grund: Das Kind hatte bisher wenig Gelegenheit, sich zu bewegen und zu üben. Oft kommt beides zusammen.

Auch ihr Spiel bleibt oft gleich. Sie fahren immer dieselbe Strecke mit dem Auto. Sie bauen vorsichtig kleine Dinge. Etwas umzuwerfen oder ein anderes Kind im Spiel fröhlich wegzuschubsen – das trauen sie sich kaum. Kleine Versuche brechen sie schnell wieder ab und suchen eine Ausrede. So versuchen sie, ihre Angst im Griff zu behalten.

Häufig fühlen sich diese Kinder noch nicht sicher gebunden. Und solange das so ist, fällt es ihnen schwer, sich zu lösen und eigene Wege zu gehen.

Warum ist Bewegung so wichtig?

Weil Bewegung uns Sicherheit gibt. Sie hilft uns, mit Anspannung umzugehen – Kindern noch viel mehr als Erwachsenen.

Kennst du das? Nach einem anstrengenden Tag gehst du spazieren oder joggen. Das Problem ist danach noch da. Aber du fühlst dich besser. Du hast etwas von innen nach außen gebracht.

Für Kinder gilt das noch stärker, denn sie bewegen sich viel mehr als wir. Wenn ein Kind sich mit Freude bewegt, ist das ein gutes Zeichen: Es fühlt sich wohl in seinem Körper. Es spürt genug Halt und Sicherheit – und ist bereit für Neues.

Kindern wie Lina fehlt genau dieses Gefühl. Sie spüren keine Stabilität in ihrem Körper. Deshalb haben sie Angst zu fallen.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag

Lina ist vier Jahre alt. Bewegung ist ihr ein Graus. Während andere Kinder fröhlich toben, sitzt sie lieber daneben. An einem Tag traut sie sich an die Sprossenwand. Ein Fuß auf die erste Sprosse, dann der nächste. Doch plötzlich bricht sie ab. Mit langsamer, monotoner Stimme sagt sie: „Kann nicht mehr – muss mich ausruhen.“

 Der „alte“ Blick:

„Lina ist faul und unmotiviert. Sie will einfach nicht. Das sagt sie ja selbst.“

 Der „neue“ Blick:

„Lina braucht zuerst Sicherheit – in ihrem Körper und in der Beziehung zu uns. Dann bekommt sie Lust auf Bewegung.“

Das Ergebnis? Lina wagte nach und nach mehr. Erst ein Schritt, dann zwei. Nicht, weil jemand sie gedrängt hat – sondern weil sie sich sicher genug fühlte, um es selbst zu wollen.

Wie kannst du diese Kinder unterstützen?

Vor allem über Beziehung – und über viele kleine, sichere Erfahrungen. Erst wenn ein Kind sich sicher fühlt, bekommt es Lust, sich zu lösen und Neues zu wagen.

Probier es morgen aus

Such dir morgen ein Kind aus, das sich oft zurückhält. Achte auf eine einzige kleine Bewegung – und feiere sie. Frag dich dabei:

„Was traut sich dieses Kind gerade – und wie kann ich ihm zeigen, dass ich es sehe?“

Vielleicht ist es nur ein Fuß auf der ersten Sprosse. Genau das ist ein großer Schritt! Bleib dran, hab Geduld und freu dich mit. Denn jede kleine Bewegung ist ein Anfang.

Häufig gestellte Fragen zu Kindern, die sich kaum bewegen

Nein. Hinter der Zurückhaltung steckt fast immer Angst, keine Faulheit. Das Kind würde sich gern bewegen, traut sich aber nicht, weil es zu wenig Halt im eigenen Körper spürt. Sätze wie „Ich mag nicht“ überspielen oft genau diese Angst.

Bitte nicht drängen. Druck verstärkt die Angst, und das Kind zieht sich noch mehr zurück. Besser ist eine Einladung ohne Erwartung – und viel Geduld. Sicherheit entsteht über Beziehung, nicht über Aufforderung.

Achte auf die Gesamtsituation. Angst zeigt sich oft so: Das Kind wirkt blockiert, klammert, bricht Versuche schnell ab und sucht Ausreden. Manchmal spricht es leise oder monoton. Ein Kind, das wirklich keine Lust hat, wirkt entspannter und lässt sich leichter für etwas anderes begeistern.

Wenn die Angst sehr stark ist, lange anhält oder das Kind sich kaum lösen kann, sprich im Team darüber. Auch bei Sorgen um Sprache oder Bewegung kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein – zum Beispiel über Frühförderung oder Psychomotorik. Du musst das nicht allein tragen. Auch wir in der Schöneck-Ries-Akademie beraten dich gern dazu und überlegen gemeinsam mit dir, was du diesen Kindern im Alltag anbieten kannst.

Wir sind Gabriele & Annette.

Hinter jedem herausfordernden Verhalten steht ein Kind, das verstanden werden möchte.
Aus dieser Überzeugung begleiten Gabi Ries und Annette Schoeneck seit über 30 Jahren pädagogische Fachkräfte – und haben dabei über 3.000 von ihnen qualifiziert. Beim Don Bosco Verlag erschien ihr Kartenset „Herausforderndes Verhalten verstehen und im Kita-Alltag begleiten".
Im Blog teilen sie Wissen, neue Perspektiven und praktische Schritte, die Fachkräfte sofort ausprobieren und gemeinsam im Team umsetzen können.

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