Warum läuft ein Kind immer wieder weg? Was dahinter steckt – und wie Spielen Sicherheit gibt

Lesezeit: 4 Minuten | Für: Erzieher*innen, Kita-Teams, pädagogische Fachkräfte Ein fünfjähriges Kind läuft immer wieder davon. Es hört nicht, wenn du es rufst. Manchmal versteckt es sich so gut, dass du es eine halbe Ewigkeit suchst – und plötzlich bekommst du Herzklopfen und Angst. Solche Momente sind für Erzieherinnen und Erzieher belastend. Du fragst dich: Warum macht das Kind das? Ist es trotzig? Testet es Grenzen? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Die Antwort liegt oft tiefer. Weglaufen ist meist ein Signal – ein Zeichen für fehlende Bindung und die Sehnsucht nach Nähe. Diese Kinder sind auf der Suche: nach Verbindung, nach Resonanz, nach jemandem, der sie wirklich sieht. In diesem Artikel liest du, was dahintersteckt und wie einfache Spiele dem Kind Sicherheit geben. Mit einem Beispiel aus dem Alltag und konkreten Tipps.

Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste in Kürze:

Warum läuft ein Kind weg?

Ein Kind läuft selten aus Trotz weg. Meist ist es ein Signal: Es fühlt sich innerlich nicht sicher.

Vielleicht ist etwas Neues passiert. Vielleicht gab es einen Streit. Vielleicht fehlt gerade das Vertrauen. Mit seinem Verhalten sagt das Kind dann etwas, das es noch nicht in Worte fassen kann:

  • „Suchst du mich, wenn ich weg bin?“
  • „Bin ich dir wichtig?“
  • „Werde ich gesehen?“

 

Das Kind spricht also mit seinem Verhalten zu dir. Weglaufen ist kein Angriff – es ist ein Ruf nach Nähe.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag

Ben ist fünf Jahre alt. Immer wieder ist er plötzlich verschwunden. Eine Erzieherin hatte oft große Sorge – wo ist er nur?

 Der „alte“ Blick:

„Ben läuft weg, um zu provozieren. Er testet uns. Wir müssen ihn strenger im Blick behalten.“

 Der „neue“ Blick:

„Ben zeigt ein Bedürfnis nach Nähe. Wenn ich mitspiele, erfährt er: Ich werde gesucht. Ich bin wichtig.“

 

Das Ergebnis?

Ben ließ sich fangen. Er lachte und suchte Blickkontakt.

Er kam von sich aus auf die Erzieherin zu.

Irgendwann gab es keine heimlichen Verstecke mehr – und keine Panik.

Warum hilft Spielen Kindern, sich sicher zu fühlen?

Weil Kinder im Spiel genau das erleben, was ihnen fehlt: Verbindung und Sicherheit. Spiele wie Fangen und Verstecken sind weit mehr als Spaß – sie gehören zu einer tiefen Rückversicherung.

Im Spiel stellen Kinder symbolisch dar, was sie innerlich beschäftigt. In unserem Fall ist das die Suche nach Verbindung und Resonanz mit dem Erwachsenen. Natürlich verarbeiten sie dabei auch ihre inneren Spannungen.

Schon das Guck-Guck-Spiel zeigt Babys: „Ich bin da – auch wenn du mich kurz nicht siehst.“ Später wird beim Fangen und Verstecken ein tieferes Lernen daraus: „Ich kann verschwinden – und trotzdem sicher bleiben.“

Gerade Kinder, die sich noch nicht sicher gebunden fühlen, üben in solchen Spielen Vertrauen. Sie spüren: ‚Ich werde nicht vergessen.‘  ‚Ich bin geborgen.‘

Was kannst du als Fachkraft tun?

Zuerst das Wichtigste: Deine Aufsichtspflicht und die Sicherheit des Kindes haben immer Vorrang. Viele Fachkräfte kennen die Angst, dass ein Kind plötzlich weg ist. Dieses Gefühl ist verständlich – nimm es ernst. Sorge also erst dafür, dass das Kind nicht in Gefahr gerät, zum Beispiel an einer Treppe, einer Tür oder draußen.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Spiel nicht ausgerechnet dann Fangen, wenn das Kind gerade wegläuft. Sonst wird das Weglaufen selbst zum Auslöser für das Spiel. Versteh stattdessen die Botschaft des Kindes – „Ich suche Verbindung und Kontakt“ – und nimm sie mit in den Alltag. Spiel mit dem Kind in den ruhigen, guten Momenten. Nicht dann, wenn du selbst gestresst bist!

Diese Punkte helfen dir im Alltag:

Probier es morgen aus

Eine einzige Frage kann deinen Blick verändern. Frag dich:

„Was möchte mir dieses Kind gerade zeigen?“

Nimm die Antwort mit in den Alltag. Such dir ruhige, gute Momente und spiel mit dem Kind – Fangen, Verstecken, Guck-Guck. So sagst du ihm ganz ohne Druck: ‚Ich sehe dich‘. ‚Ich bin da‘.

Denn Kinder lernen durch Erlebnisse. Spielen ist kein Ablenken – es ist der Weg zurück in Sicherheit und Bindung. Trau dich, mitzuspielen!

Häufig gestellte Fragen zu Kindern, die immer wieder weglaufen

Auf jeden Fall. Die Aufsicht und die körperliche Sicherheit des Kindes haben immer Vorrang. Sorge zuerst dafür, dass das Kind nicht in Gefahr gerät. Das Verständnis für das Bedürfnis und das gemeinsame Spiel kommen zusätzlich dazu – sie ersetzen die Aufsicht nicht.

Wichtig ist das richtige Timing. Spiel nicht ausgerechnet in dem Moment Fangen, in dem das Kind wegläuft – sonst wird das Weglaufen zum Startsignal für das Spiel. Spiel stattdessen in ruhigen, guten Momenten. Dann erfüllst du das Bedürfnis nach Nähe, ohne das Weglaufen zu bestärken. Beziehung führt zu weniger Verstecken, Kontrolle oft zu mehr.

Bei den meisten Kindern hilft es spürbar. Wenn ein Kind aber sehr stark unter Trennung leidet oder sich gar nicht beruhigen lässt, sprich im Team darüber und hol dir bei anhaltender Sorge fachliche Unterstützung dazu. Das Spiel ist eine wertvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für Begleitung in schwierigen Fällen.

Schon kleine Gesten wirken. Ein Blickkontakt, ein freundliches „Ich sehe dich!“, ein kurzes Winken. Wichtig ist die Haltung, nicht die Dauer. Sprich im Team ab, wer das Kind in solchen Momenten in den Blick nimmt.

Wir sind Gabriele & Annette.

Hinter jedem herausfordernden Verhalten steht ein Kind, das verstanden werden möchte.
Aus dieser Überzeugung begleiten Gabi Ries und Annette Schoeneck seit über 30 Jahren pädagogische Fachkräfte – und haben dabei über 3.000 von ihnen qualifiziert. Beim Don Bosco Verlag erschien ihr Kartenset „Herausforderndes Verhalten verstehen und im Kita-Alltag begleiten".
Im Blog teilen sie Wissen, neue Perspektiven und praktische Schritte, die Fachkräfte sofort ausprobieren und gemeinsam im Team umsetzen können.

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